Gelenkschmerzen können sich ähnlich anfühlen und dennoch ganz unterschiedliche Ursachen haben. Besonders häufig fallen dabei die Begriffe Arthrose und Arthritis. Beide Erkrankungsgruppen können mit Schmerzen, Steifigkeit und eingeschränkter Beweglichkeit einhergehen. Medizinisch stehen dahinter jedoch unterschiedliche Prozesse.
Bei einer Arthrose verändern sich verschiedene Strukturen eines Gelenks über längere Zeit. Betroffen ist nicht nur der Knorpel. Auch Knochen, Gelenkinnenhaut, Bänder, Muskeln und die Gelenkkapsel können am Krankheitsgeschehen beteiligt sein. Eine Arthritis bezeichnet dagegen zunächst eine Entzündung eines Gelenks. Diese kann etwa durch eine Autoimmunerkrankung, eine Infektion oder Kristallablagerungen ausgelöst werden.
In der Praxis ist die Abgrenzung nicht immer eindeutig. Auch ein arthrotisch verändertes Gelenk kann entzündliche Phasen entwickeln. Umgekehrt lässt sich aus einer Schwellung allein noch nicht auf eine bestimmte Form der Arthritis schließen.
Arthrose ist mehr als bloßer Gelenkverschleiß
Arthrose wird häufig als „Gelenkverschleiß“ bezeichnet. Der Begriff vermittelt jedoch leicht den falschen Eindruck, ein Gelenk nutze sich durch Bewegung ähnlich wie ein mechanisches Bauteil ab. Tatsächlich handelt es sich um einen komplexen Umbauprozess des gesamten Gelenks.
Der Gelenkknorpel kann an Elastizität verlieren, dünner werden und strukturelle Schäden entwickeln. Gleichzeitig verändert sich häufig der darunterliegende Knochen. Es können knöcherne Anbauten, sogenannte Osteophyten, entstehen. Auch die Gelenkinnenhaut kann zeitweise entzündlich reagieren.
Das erklärt, weshalb Arthrose nicht ausschließlich als mechanisches Problem verstanden werden sollte.
Häufig betroffen sind Knie, Hüften, Hände und bestimmte Bereiche der Wirbelsäule. Ob und wie schnell sich eine Arthrose entwickelt, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu zählen unter anderem:
- höheres Lebensalter
- frühere Gelenkverletzungen
- angeborene oder erworbene Fehlstellungen
- bestimmte langjährige Fehl- oder Überbelastungen
- erhebliche Mehrbelastung tragender Gelenke durch Übergewicht
- genetische Faktoren
Das Alter ist somit ein bedeutender Risikofaktor, Arthrose aber keine zwangsläufige Folge des Älterwerdens.
Wie sich Arthrose typischerweise bemerkbar macht
Zu Beginn treten Beschwerden häufig unter Belastung auf. Ein Knie kann beispielsweise nach längeren Gehstrecken oder beim Treppensteigen schmerzen, während in Ruhe zunächst kaum Probleme bestehen.
Ein weiteres typisches Phänomen ist der Anlaufschmerz. Nach längerem Sitzen oder morgens nach dem Aufstehen fühlt sich das Gelenk zunächst steif und schmerzhaft an. Nach einigen Bewegungen kann sich dieses Gefühl bessern.
Mit zunehmender Ausprägung können die Beschwerden häufiger und länger auftreten. Bei fortgeschrittener Arthrose sind auch Schmerzen in Ruhe oder nachts möglich. Hinzu kommen mitunter eine eingeschränkte Beweglichkeit, Kraftverlust und Schwierigkeiten bei alltäglichen Tätigkeiten.
Ein bestimmtes Schmerzmuster beweist eine Arthrose allerdings nicht. Gerade bei länger bestehenden Gelenkerkrankungen können sich typische Merkmale überschneiden.
Was medizinisch unter Arthritis verstanden wird
Arthritis bedeutet Gelenkentzündung. Anders als Arthrose bezeichnet der Begriff damit zunächst einen Zustand und nicht eine einzelne konkrete Erkrankung.
Zu den möglichen Ursachen gehören beispielsweise:
- entzündlich-rheumatische Erkrankungen
- bakterielle Gelenkinfektionen
- Gicht und andere Kristallarthropathien
- Psoriasis-Arthritis
- bestimmte reaktive Gelenkentzündungen
Eine der bekanntesten chronisch-entzündlichen Gelenkerkrankungen ist die rheumatoide Arthritis. Sie beruht auf einer Fehlsteuerung des Immunsystems. Dabei richtet sich die Immunreaktion gegen körpereigene Strukturen, insbesondere gegen die Gelenkinnenhaut. Unbehandelt kann eine anhaltende Entzündung langfristig Gelenkstrukturen schädigen.
Der Unterschied zwischen Arthrose und Arthritis ist deshalb nicht nur eine Frage der Begrifflichkeit. Die zugrunde liegenden Prozesse beeinflussen, welche Untersuchungen erforderlich sind und welche Behandlung sinnvoll sein kann.
Welche Beschwerden eher für eine Entzündung sprechen
Bei einer Arthritis stehen häufig Entzündungszeichen im Vordergrund. Das betroffene Gelenk kann geschwollen, überwärmt und schmerzhaft sein. Teilweise ist auch die Haut darüber gerötet.
Bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis können mehrere Gelenke gleichzeitig betroffen sein. Typisch ist unter anderem eine ausgeprägte Morgensteifigkeit. Außerdem können allgemeine Beschwerden wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit oder Leistungsminderung auftreten.
Das Verteilungsmuster der betroffenen Gelenke liefert ebenfalls Hinweise. Bei rheumatoider Arthritis sind beispielsweise häufig kleine Gelenke der Hände und Füße beteiligt. Charakteristisch kann ein weitgehend symmetrischer Befall sein, zwingend ist dieses Muster jedoch nicht in jedem Stadium.
Entzündungszeichen sollten daher immer gemeinsam mit Verlauf, Dauer und Verteilung der Beschwerden betrachtet werden.
Morgensteifigkeit kann diagnostische Hinweise liefern
Wie sich ein Gelenk morgens nach dem Aufstehen anfühlt, spielt bei der ärztlichen Einordnung eine wichtige Rolle.
Auch Menschen mit Arthrose berichten häufig über eine gewisse Steifigkeit nach Ruhephasen. Diese löst sich typischerweise vergleichsweise rasch.
Bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen kann die Morgensteifigkeit deutlich länger anhalten. Eine über längere Zeit bestehende Steifigkeit mehrerer Gelenke macht daher eine entzündliche Ursache wahrscheinlicher.
Eine starre Zeitgrenze sollte daraus dennoch nicht abgeleitet werden. Die Dauer der Morgensteifigkeit ist ein diagnostischer Hinweis, aber kein alleiniger Beweis für oder gegen eine bestimmte Erkrankung.
Auch Arthrose kann Entzündungen verursachen
Die Gegenüberstellung „Arthrose gleich Verschleiß, Arthritis gleich Entzündung“ ist für eine erste Orientierung hilfreich, medizinisch aber zu einfach.
Bei Arthrose können ebenfalls entzündliche Vorgänge auftreten. Die Gelenkinnenhaut kann gereizt sein, das Gelenk anschwellen und sich warm anfühlen. In solchen Phasen können die Beschwerden deutlich zunehmen.
Damit wird verständlich, weshalb eine Beurteilung allein anhand einzelner Symptome schwierig ist. Eine sichtbare Schwellung spricht zwar für eine entzündliche Aktivität, sagt aber noch nichts Sicheres darüber aus, wodurch diese ausgelöst wurde.
Nicht jeder Gelenkschmerz entsteht im Gelenk
Zusätzlich erschwert wird die Einordnung dadurch, dass Schmerzen in Gelenknähe nicht zwangsläufig aus dem Gelenk selbst stammen müssen.
Auch Sehnen, Schleimbeutel, Muskeln oder Nerven können Beschwerden verursachen. Ein schmerzendes Schultergelenk kann beispielsweise mit Veränderungen an Sehnen zusammenhängen. Schmerzen rund um das Knie müssen nicht automatisch auf eine Arthrose oder Arthritis zurückgehen.
Deshalb ist die genaue Lokalisation wichtig. Ärztinnen und Ärzte prüfen nicht nur, wo ein Patient den Schmerz empfindet, sondern auch, welche Bewegungen ihn auslösen, ob Druckschmerz besteht und ob tatsächlich das Gelenk selbst betroffen ist.
Die Krankengeschichte liefert oft entscheidende Hinweise
Bei der Diagnostik steht zunächst nicht die technische Untersuchung, sondern das Gespräch im Mittelpunkt.
Relevant sind unter anderem folgende Fragen:
Wann haben die Schmerzen begonnen? Sind sie plötzlich oder allmählich entstanden? Treten sie eher bei Belastung, nach Ruhephasen oder nachts auf? Wie lange besteht die Morgensteifigkeit? Ist nur ein Gelenk betroffen oder sind es mehrere? Gab es zuvor einen Unfall, eine Infektion oder andere Erkrankungen?
Auch Begleitsymptome sind wichtig. Fieber, starkes Krankheitsgefühl, Hautveränderungen oder unerklärliche Gewichtsveränderungen können die diagnostische Richtung beeinflussen.
Anschließend werden die betroffenen Gelenke untersucht. Dabei achten Ärztinnen und Ärzte unter anderem auf Beweglichkeit, Schwellung, Überwärmung, Druckschmerz, Stabilität und mögliche Fehlstellungen.
Bildgebung ist nicht automatisch immer erforderlich
Röntgenbilder können bei Arthrose typische Veränderungen zeigen, darunter eine Verschmälerung des Gelenkspalts, knöcherne Anbauten oder Veränderungen des gelenknahen Knochens.
Ein Röntgenbefund allein sagt jedoch nicht zuverlässig aus, wie stark die Schmerzen eines Menschen sind. Deutliche Veränderungen können mit vergleichsweise geringen Beschwerden einhergehen. Umgekehrt können starke Schmerzen bestehen, obwohl die radiologischen Veränderungen weniger ausgeprägt erscheinen.
Bei einer typischen klinischen Konstellation muss deshalb nicht in jedem Fall sofort umfangreich bildgebend untersucht werden.
Ultraschall kann besonders bei Verdacht auf entzündliche Veränderungen hilfreich sein. Er kann beispielsweise Flüssigkeit im Gelenk oder entzündliche Veränderungen der Gelenkinnenhaut sichtbar machen.
Eine Magnetresonanztomografie stellt zusätzlich Weichteile, Knorpel, Knochenmark und weitere Strukturen detailliert dar. Sie wird gezielt eingesetzt, wenn die Fragestellung dies rechtfertigt. Sie ist keine routinemäßige Standarduntersuchung für jeden Gelenkschmerz.
Welche Rolle Blutuntersuchungen spielen
Bei Verdacht auf eine entzündlich-rheumatische Erkrankung können Laboruntersuchungen wichtige Zusatzinformationen liefern.
Untersucht werden beispielsweise Entzündungsmarker wie C-reaktives Protein oder Blutsenkungsgeschwindigkeit. Bei Verdacht auf rheumatoide Arthritis können zudem Rheumafaktor und Antikörper gegen citrullinierte Peptide bestimmt werden.
Auch diese Werte müssen im Zusammenhang betrachtet werden. Ein positiver Rheumafaktor beweist für sich allein keine rheumatoide Arthritis. Umgekehrt können Betroffene eine entzündlich-rheumatische Erkrankung haben, obwohl einzelne Laborwerte nicht auffällig sind.
Die Diagnose entsteht deshalb aus dem Zusammenspiel von Beschwerden, körperlichem Befund, Laborwerten und gegebenenfalls Bildgebung.
Ein akut heißes Gelenk ist ein Warnzeichen
Besondere Aufmerksamkeit verdient ein Gelenk, das innerhalb kurzer Zeit stark schmerzt, deutlich anschwillt und überwärmt oder gerötet ist.
Eine mögliche Ursache ist eine bakterielle Gelenkinfektion, die sogenannte septische Arthritis. Sie muss rasch erkannt und behandelt werden, da die Infektion Gelenkstrukturen schädigen und sich im ungünstigen Fall im Körper ausbreiten kann.
Fieber kann hinzukommen, muss aber nicht zwingend vorhanden sein.
Bei entsprechendem Verdacht kann eine Gelenkpunktion notwendig sein. Dabei wird Gelenkflüssigkeit entnommen und untersucht. Dies hilft unter anderem dabei, bakterielle Infektionen von anderen Ursachen einer akuten Gelenkentzündung, etwa einem Gichtanfall, zu unterscheiden.
Ein plötzlich stark schmerzendes, geschwollenes und heißes Gelenk sollte daher nicht mehrere Tage ausschließlich mit Hausmitteln behandelt werden.
Wann Gelenkbeschwerden ärztlich abgeklärt werden sollten
Nicht jede vorübergehende Gelenkbeschwerde benötigt eine umfangreiche Diagnostik. Schmerzen nach ungewohnter körperlicher Belastung können beispielsweise von selbst wieder abklingen.
Eine ärztliche Abklärung ist jedoch sinnvoll, wenn Beschwerden anhalten, wiederkehren oder zunehmend den Alltag einschränken.
Besonders ernst genommen werden sollten:
- plötzlich auftretende starke Gelenkschmerzen
- deutliche Schwellung oder Überwärmung
- Rötung des Gelenks
- Fieber oder ausgeprägtes Krankheitsgefühl
- erhebliche Bewegungseinschränkungen
- Schmerzen nach einer Verletzung
- länger anhaltende Morgensteifigkeit
- mehrere gleichzeitig geschwollene Gelenke
- fortschreitende Beschwerden ohne erkennbare Ursache
Bei einem akut heißen und stark geschwollenen Gelenk kann eine zeitnahe medizinische Beurteilung notwendig sein.
Bewegung gehört bei Arthrose zur Behandlung
Aus Angst vor Schmerzen versuchen manche Betroffene, das Gelenk möglichst wenig zu bewegen. Bei Arthrose ist dauerhafte Schonung jedoch meist nicht die beste Strategie.
Gezielte Bewegung und Training gehören insbesondere bei Kniearthrose zu den grundlegenden Behandlungsmaßnahmen. Sie können Muskelkraft, Beweglichkeit und körperliche Belastbarkeit verbessern. Eine kräftige Muskulatur stabilisiert das Gelenk und kann helfen, Alltagsbewegungen besser zu bewältigen.
Welche Belastung geeignet ist, hängt von Gelenk, Erkrankungsstadium, Begleiterkrankungen und individuellen Beschwerden ab. Training bedeutet deshalb nicht, Schmerzen grundsätzlich zu ignorieren.
Physiotherapie kann insbesondere dann sinnvoll sein, wenn Bewegungsabläufe eingeschränkt sind oder gezielter Muskelaufbau erforderlich ist.
Bei Übergewicht kann eine Gewichtsreduktion die mechanische Belastung tragender Gelenke, insbesondere der Knie, verringern. Ergänzend kommen je nach Situation Medikamente, physikalische Maßnahmen, Hilfsmittel oder operative Verfahren infrage.
Bei Arthritis entscheidet die Ursache über die Therapie
Eine Arthritis kann nicht nach einem einheitlichen Schema behandelt werden.
Bei rheumatoider Arthritis stehen krankheitsmodifizierende Medikamente im Mittelpunkt. Sie sollen die Entzündungsaktivität kontrollieren und dauerhafte Gelenkschäden möglichst verhindern. Schmerz- und entzündungshemmende Medikamente können ergänzend eingesetzt werden, ersetzen eine solche Basistherapie aber nicht.
Bei Gicht richtet sich die Behandlung dagegen sowohl auf den akuten Entzündungsanfall als auch auf die Kontrolle eines dauerhaft erhöhten Harnsäurespiegels, wenn dies medizinisch angezeigt ist.
Eine bakterielle Arthritis erfordert wiederum eine völlig andere Behandlung. In der Regel müssen die Erreger gezielt mit Antibiotika behandelt und infiziertes Gelenkmaterial beziehungsweise Gelenkflüssigkeit entfernt werden.
Gerade diese Unterschiede zeigen, weshalb eine Selbstdiagnose anhand des Schmerzgefühls problematisch sein kann.
Warum eine frühe Einordnung sinnvoll ist
Bei Arthrose kann eine rechtzeitige Diagnose dabei helfen, Belastung, Bewegung und Behandlung sinnvoll an die individuelle Situation anzupassen.
Noch größere Bedeutung kann eine frühe Abklärung bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen haben. Bleibt eine aktive rheumatoide Arthritis unbehandelt, kann die dauerhafte Entzündung Gelenkstrukturen schädigen. Moderne Therapiekonzepte zielen daher darauf ab, die Krankheitsaktivität möglichst früh und konsequent zu kontrollieren.
Die Unterscheidung zwischen Arthrose und Arthritis ist somit keine akademische Frage. Sie hat unmittelbare Auswirkungen auf Diagnostik, Behandlung und Verlauf.
Entscheidend ist das Gesamtbild
Arthrose und Arthritis folgen zwar unterschiedlichen Grundmechanismen, lassen sich anhand einzelner Beschwerden aber nicht zuverlässig voneinander unterscheiden.
Belastungs- und Anlaufschmerzen passen häufig zu Arthrose. Länger anhaltende Morgensteifigkeit, deutliche Schwellung und Überwärmung sprechen stärker für entzündliche Prozesse. Überschneidungen sind jedoch möglich.
Deshalb zählt nicht ein einzelnes Symptom, sondern das Gesamtbild aus Schmerzverlauf, betroffenen Gelenken, Entzündungszeichen, Begleiterkrankungen und Untersuchungsbefunden.
Wer über längere Zeit Gelenkschmerzen hat, wiederkehrende Schwellungen bemerkt oder zunehmend in seiner Beweglichkeit eingeschränkt ist, sollte die Ursache medizinisch klären lassen. Besonders rasch sollte dies bei plötzlich starken Beschwerden, einem heißen und geschwollenen Gelenk oder zusätzlichen Allgemeinsymptomen geschehen.